Haben oder Sein

Haben oder Sein

Der Physiker Werner Heisenberg entwarf 1925 die
so genannte Heisenbergsche Unschärferelation. Den
Anspruch der Physik, „die Welt“ genau zu
beschreiben, stellt er dort in Frage: nach der
Heisenbergschen Unschärferelation sind selbst schon
zwei komplementäre Eigenschaften eines Teilchens
nicht gleichzeitig beliebig bestimmbar, hier als
Beispiel Ort und Impuls. Diese Unschärferelation
wird als prinzipieller Natur angesehen, nicht als Folge
von behebbaren technischen Unzulänglichkeiten des
Messinstrumentes.

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Nach Heisenberg verbindet sich – je exakter,
spezialisierter und genauer die jeweilige Messung
wird – in subtilen Bereichen der Akt der Messung mit
dem energetischen Feld des beobachteten Objekts,
also mit „der Welt des beobachteten Objekts“.
Dadurch beeinflusst der Akt der Messung selbst aktiv
das Feld des beobachteten Objekts und verändert es
unkontrollierbar. Abgesehen davon gibt es die
irrtümliche Annahme dieser Art der Trennung von
Beobachter und Objekt für den Menschen sowieso nur
durch seine Art der Für-wahr-nehmung der
Wirklichkeit: Die Tatsächlichkeit der Existenz besteht
weder getrennt noch nicht getrennt. Denn dafür
müsste ein Zweites tatsächlich existieren.
Also: umso mehr Details und Definitionen bezüglich
einen Objektes – eines materiellen, beobachtbaren
Körpers oder eines immateriellen, beobachtbaren
Körpers (eines Ideals, einer Idee) – bekannt sind,
desto mehr verirrt sich die Wissenschaft in den Details
und es gelingt zusehends weniger, eine konkret
fassbare, eindeutige Definition des Objekts zu
realisieren. Immer mehr Spezialisten sind am Werk
und beginnen, um Deutungshoheiten zu kämpfen. Ein
Dschungel aus Irrtümern mit gelegentlichen
Zufallstreffern entsteht.

Schon die grundsätzliche Annahme Heisenbergs,
einen „Impuls“ identifizieren („erkennen“) und
messen zu können, ist fragwürdig: nur Auswirkungen
eines „Impulses“ sind erkennbar und können
gemessen werden, der Impuls selbst ist das, was
Energie ist und damit nicht für-wahr-nehmbar für den
menschlichen Sinnesorgankörper. So sind zwar die
Auswirkungen von „Strom“ messbar, „Strom“ selbst
aber ist dem Menschen nicht erkennbar oder messbar.
Erfahrbar hingegen ist „Strom“ für den Menschen,
zum Beispiel im Rahmen der physikalischen
Therapie. Jede weitere Annahme und Spekulation aus
dieser Erfahrung „Strom“ ist dann jedoch nicht mehr
„Strom“. Das, was Energie ist, befindet sich also nicht
in Raum und Zeit wahrnehmbar und ist deshalb nicht
messbar.

Der allem zugrunde liegende Irrtum befindet sich
jedoch schon ganz am Anfang der so genannten
menschlichen Wahrnehmung: jegliches „Erkennen“
eines Objektes ist eine Abstraktion der Tatsächlichkeit
der Existenz dieses Objektes durch den menschlichen
Sinnesorgankörper – eine Reflexion! So ist „der erste
Ein-druck“ möglicherweise das exakteste Erkennen
eines Objektes in Form einer Reflexion. Alle weiteren
Merkmale, die dem Objekt hinzugefügt werden,
lassen ein gewichtigeres und differenzierteres Bild des
Objektes entstehen, aber in dieser scheinbar
genaueren Wahrnehmung des Objektes entfernt man
sich immer weiter von der Tatsächlichkeit des
Objektes.

Möglicherweise ist der Ausspruch Charlotte Steins
„Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ aus dieser
Erkenntnis geboren.

Anzunehmen, dass eine Detaillierung und ein
Verschärfen des Fokus der ersten Abstraktion durch
das Hinzufügen empirisch bewiesener, weiterer
Merkmale des Objektes dieses genauer erkennen lässt,
ist ein Trugschluss, denn schon das erste „Erkennen“,
die erste Für-wahr-nehmung des Objektes ist nicht die
Existenz des Objektes.

„Intellektuelle Schärfung“ führt so zu Unschärfe. Im
Gegenteil führt diese fortwährende, detailverliebte
Spezialisierung zu immer abstrakteren Annahmen
über das Objekt. Letztendlich „erkennen“ moderne
Quantenphysiker in ihrer Forschung eine Leere selbst
in den kleinsten Details, alles objekthafte „ist leer von
sich selbst“, leer von einem substantiell einzigartigen
Inhalt. So werden Wissenschaftler zu gläubigen
Buddhisten – denn dort spricht man von Shunyata, der
Leere als Quelle aller Form und Nichtform.

Eine Paradoxie: umso mehr Merkmale eines Objekts
erkannt und „gemerkt“ werden, desto mehr ist man an
dieses innere Bild des Objekts gebunden. Eine immer
eingeschränktere Sicht auf das Objekt beschränkt
sozusagen immer mehr die Ansicht der
Tatsächlichkeit des Objekts. Dies bezieht sich
besonders auf physische Objekte. Mental konstruierte,
„aus einer Idee geborene“ Objekte besitzen sowieso
keine über die Idee hinausgehende Tatsächlichkeit.
Die mit den menschlichen Sinnesorganen – dort dem
denkenden Verstand als natürlicher, zentraler
Organisator – erfahrbaren Reflexionen in Form von
materiellen und mentalen Objekten können als nichtlebendig
beschrieben werden. Lebendig ist das, was
diese Objekte in ihrer nicht für-wahr-nehmbaren
Existenz sind – niemals für den Menschen erkennbar,
so wie das Auge sich selbst nicht sehen kann.

Wenn schon die Art der physikalischen Messung das
Objekt unkontrollierbar beeinflusst und verändert, wie
soll dann jemals aus Merkmalen die Identität eines
Objektes exakt „fest-stellbar“ sein? Lebendigkeit
kennt keine „Fest-stellung“. In der Dualität der
Manifestation des Seins beeinflussen sich alle
scheinbaren Objekte der Reflexion permanent
gegenseitig – weil sie weder getrennt noch verbunden
sind!

Haben oder Sein mündet hier in die Frage „Wissen
haben oder Wissen sein?“ Wissen haben ist ein
unlebendige Anhäufung des fortgesetzten Irrtums, der
immer erst einmal für wahr gehalten wird und in der
Folge oftmals als Irrtum korrigiert werden muss,
Wissen sein hingegen eher Lebendigkeit, die aber kein
Wissen besitzt, sprich „haben kann“ und auch kein
Wissen „ kennt“.

Um nicht missverstanden zu werden: an der Art der
menschlichen Fur-wahr-nehmung der Existenz ist
nichts falsch, nichts zu korrigieren, denn ohne sie
könnte der Mensch den „Traum der Manifestation“
nicht für-wahr-halten, nicht „leben“. Gleichzeitig ist
genau das die Ursache des Leidens.

Uli Fromme

Uli Fromme beschäftigt sich bereits seit vielen Jahren mit den Themen: Bewegung, Philosophie, innerer Frieden und der asiatischen Kultur. Er ist Autor der Bücher: „Buddhaboxen: The Art of Moving“ und „Wo nichts ist, kann auch nichts werden„.

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