Natürlichkeit

Natürlichkeit

Wenn ein Mensch an jedem Tag seines Lebens zur körperlichen Bewegung ausschließlich fünfzehn Minuten spazieren geht, nie Vitaminpräparate nimmt, 90 Jahre alt wird und nie körperliche Beschwerden hat: auch ein solcher, natürlicher Verlauf eines Lebens wäre möglicherweise in der heutigen Gesellschaft von den Verführungen der Gesundheits-, Psycho- und spirituellen Verführungsindustrie manipuliert und in Zweifel gezogen worden. Jeder Versuch und jede scheinbare Notwendigkeit, bei dieser Person eine irgendwie geartete „Kondition“ oder Widerstandsfähigkeit aufzubauen, hätte geschwächt anstatt zu „heilen“.

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Nur ein sensitives Bewusstsein zum eigenen Körper kann wahrnehmen, welche „Conditio“ (Verfassung) die natürliche Homöosthase (Fliessgleichgewicht des Organismus) ist. Je nach Lebensalter und der daraus folgenden biochemischen (Stoffwechsel) und hormonellen Veränderung, genetischer Veranlagung und den sich verändernden Lebensumständen wandelt sich auch die Conditio des Organismus. Die natürliche Conditio eines Organismus reguliert sich perfekt selbst. Die Selbstregulationssysteme, die die körperlichen Pulsationen regeln, besitzen eine innewohnende Intelligenz, die dem Menschen ganz offensichtlich wissenschaftlich nicht zugänglich sind.
Dem Körper wohnt eine Tendenz hin zu Wohlbefinden inne in dem Sinne, das der Körper sozusagen „nicht auffällt“, nicht erwähnenswert gespürt wird, solange keine außergewöhnliche Belastung auftritt.

Die Psychologisierung der scheinbaren Identität (Person, Ego, Psyche) und der Wahrnehmung der körperlichen Erscheinung und Vorgänge aus diesem Blickwinkel hat jedoch bei vielen Menschen zu einer Konditionierung geführt, die ein Gefühl des somatischen Wohlbefindens erst akzeptiert, wenn bestimmte gesellschaftliche Normierungen angestrengt erfüllt wurden. Hier ist das wahrgenommene Wohlbefinden ein Wohlbefinden als Reaktion auf den Denkprozess, der eine Erfüllung der gesellschaftlich geforderten Leistung anerkennt. Diese „Leistung“ ist ein psychologisches Phänomen, das die Person, das Ego, die Psyche tatsächlich befriedigt, also tatsächlich eine biochemische Reaktion des Körpers in Richtung Wohlbefinden zur Folge haben kann. Dies ist eine unnatürliche Conditio.

Das Entstehen natürlicher Bewegungen, die einer natürlichen Conditio nicht im Wege stehen, ist eine Kunst, die als Wuwei bezeichnet wird und entstammt einer jahrtausende alten Übungsform des chinesischen Daoismus.


Uli Fromme

Uli Fromme beschäftigt sich bereits seit vielen Jahren mit den Themen: Bewegung, Philosophie, innerer Frieden und der asiatischen Kultur. Er ist Autor der Bücher: „Buddhaboxen: The Art of Moving“ und „Wo nichts ist, kann auch nichts werden„.

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